Todesangst

Ein Kunde von mir hatte ein schwer sanierungsbedürftiges, kleines Zinshaus in Wien 21 gekauft.

Er sandte mir die Pläne und beauftragte mich mit der Vermietung der Wohnungen, welche komplett neu angelegt, und das Haus natürlich generalsaniert wurde.

Ich machte damals einen Fehler, welcher mir danach NIE WIEDER unterlaufen ist: ich erstellte die Anzeigen OHNE mir vorher einen persönlichen Eindruck von der Liegenschaft zu machen.

Zu meiner großen Überraschung war die Nachfrage sehr groß, weshalb ich bereits wenige Tage später mehrere Besichtigungen anberaumt hatte.

Ich fuhr also früher in die Liegenschaft, um mir zumindest vor Eintreffen der Kunden, einen Eindruck machen zu können.

Wie geschockt ich bei meiner Ankunft war, kann ich Euch gar nicht sagen! Das Haus war komplett verwahrlost! In den Geschossdecken waren riesige Löcher, sodass ich vom 2. Stock direkt ins Erdgeschoss blicken konnte und natürlich haben sich unzählige Obdachlose hier einquartiert.

Unglücklicherweise funktionierten die sanitären Einrichtungen dort schon seit Monaten (Jahren??) nicht mehr. Daher wurde von ihnen kurzerhand einzelne Räume als „WC“ verwendet.

TODESANGST! Beschreibt nicht mal ansatzweise, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe! Doch was tun? In ca. einer halben Stunde würde es hier vor Interessenten wimmeln.

Also nahm ich all meinen Mut zusammen, wecke die Obdachlosen auf und ersuche sie freundlich doch bitte für die nächsten 4 Stunden das Haus zu verlassen.

Zu meiner großen Überraschung taten sie das auch!

Bei der Besichtigung fühlte ich mich eher wie ein Verkehrspolizist, als eine Maklerin, weil ich in den Geschossen stand und mit den Armen fuchtelnd versuchte zu erklären wo genau die Wohnungen angelegt werden. (Diese habe ich mir vorher ausgemessen und mit Klebeband markiert gehabt.)

Zu meiner großen Überraschung gingen bereits bei diesem Termin einige Wohnungen weg und bei den folgenden Terminen kam ich immer eine halbe Stunde früher, bewaffnet mit Mineralwasser und Wurstsemmeln, sodass sich die Obdachlosen sogar immer freuten wenn ich einen Besichtigung hatte!

Ja, auch so etwas gehört zum Alltag eines Immobilienmaklers!

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von Anders Noren.

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